Julian hatte jahrelang geglaubt, er sei derjenige, der die Zukunft kontrollierte.
Nun begriff er, dass er nicht einmal seine eigene Position sicher beherrschte.
Als Nora ihre Rede beendete, erhoben sich mehrere Gäste von ihren Stühlen.
Der Applaus war lang und ehrlich.
Camilla blieb sitzen.
Sie sah auf ihre Hände und bemerkte, dass sie zitterten.
Die Diamantohrringe in ihren Ohren fühlten sich plötzlich schwer an.
Sie wusste nicht, was sie mehr beunruhigte: die Tatsache, dass Nora die neue Mehrheitsaktionärin war, oder die Tatsache, dass Nora offenbar schon länger gewusst hatte, was zwischen ihr und Julian geschah.
Julian setzte sich nicht.
Er wartete, bis Nora die Bühne verließ.
Dann ging er auf sie zu.
„Nora“, sagte er mit angestrengter Stimme. „Wir müssen reden.“
Sie sah ihn an.
„Das glaube ich auch.“
Kapitel 7: Hinter verschlossenen Türen
Malcolm führte Nora und Julian in einen kleinen Besprechungsraum hinter dem Ballsaal.
Der Raum war schlicht eingerichtet. Ein langer Tisch, sechs Stühle, eine Wasserflasche und eine große Uhr an der Wand.
Hier gab es keine Kronleuchter.
Keine Fotografen.
Keine Gäste, die über die nächste Beförderung spekulierten.
Nur drei Menschen und eine Wahrheit, der Julian nicht länger ausweichen konnte.
„Was soll das alles?“, fragte er, sobald die Tür geschlossen war.
Nora zog einen Stuhl zurück, setzte sich aber nicht.
„Was genau meinst du?“
„Du weißt genau, was ich meine. Seit wann besitzt du Northstar Holdings?“
„Seit mehreren Jahren.“
Julian starrte sie an.
„Mehrere Jahre?“
„Ja.“
„Du hast mir nie gesagt, dass du eine Investmentgesellschaft besitzt.“
Nora neigte leicht den Kopf.
„Ich habe dir erzählt, dass ich mich um die Investitionen meiner Familie kümmere. Du hast nie nach Einzelheiten gefragt.“
„Das ist etwas völlig anderes!“
„Warum?“
Er öffnete den Mund, fand aber keine Antwort.
Nora fuhr fort:
„Du hast angenommen, dass ich ein kleines Erbe verwalte und gelegentlich ehrenamtlich arbeite. Diese Annahme hat dir gefallen. Du musstest dich nicht mit meinen Entscheidungen beschäftigen. Du musstest mich nicht ernst nehmen.“
Julian fuhr sich durch die Haare.
„Das ist doch lächerlich. Wir sind verheiratet. Du hättest mir vertrauen müssen.“
Nora sah ihn ruhig an.
„Vertrauen?“
Sie ließ das Wort einen Moment im Raum stehen.
„Du hast mich vor zweihundert Menschen geschlagen. Du hast mir befohlen, nach Hause zu gehen, damit deine Geliebte neben dir stehen kann. Und jetzt möchtest du mit mir über Vertrauen sprechen?“
Julian blickte zur Tür.
„Das war ein Fehler.“
„Ein Fehler ist, wenn man sich bei einer Präsentation verspricht. Du hast dich entschieden, mich zu demütigen.“
„Ich war gestresst.“
„Du bist seit Monaten gestresst. Das erklärt nicht, warum du glaubst, mich so behandeln zu dürfen.“
Malcolm räusperte sich.
„Julian, ich möchte, dass wir sachlich bleiben.“
Julian wandte sich zu ihm.
„Sie können doch nicht ernsthaft glauben, dass ich das Unternehmen geschädigt habe. Ich habe Aurelia durch die Krise geführt.“
„Genau deshalb prüfen wir die entsprechenden Vorgänge“, antwortete Malcolm. „Die Prüfung ist unabhängig. Wir werden keine voreiligen Schlüsse ziehen.“
Julian sah wieder Nora an.
„Du hast das alles geplant.“
„Ich habe eine Investition geprüft, Verträge untersuchen lassen und eine Entscheidung getroffen. Das ist meine Aufgabe als Investorin.“
„Und du wolltest mich bloßstellen.“
Nora schüttelte den Kopf.
„Du hast dich selbst bloßgestellt. Ich habe dich nicht gezwungen, mich zu schlagen. Ich habe dir nicht gesagt, du sollst eine Affäre mit Camilla beginnen. Und ich habe dir nicht befohlen, fragwürdige Zahlungen zu genehmigen.“
Julian wurde still.
Zum ersten Mal an diesem Abend schien er zu verstehen, dass seine üblichen Ausreden nicht mehr funktionierten.
Nora nahm eine Mappe aus ihrer Tasche.
„Hier sind die Unterlagen zur Übernahme und die Informationen über die vorläufigen Maßnahmen, die der Verwaltungsrat beschlossen hat. Du wirst morgen eine offizielle Mitteilung erhalten.“
Julian blickte auf die Mappe, als wäre sie ein Urteil.
„Was bedeutet das?“
„Dass du bis zur Klärung der offenen Fragen keinen Zugriff auf bestimmte Freigabeprozesse haben wirst. Über weitere Maßnahmen entscheidet der Verwaltungsrat auf Grundlage der Ergebnisse.“
„Du kannst mich nicht einfach entlassen!“
„Ich habe nicht gesagt, dass ich dich entlassen werde.“
Nora trat einen Schritt zurück.
„Ich werde mich nicht in die laufende Untersuchung einmischen. Du bekommst Gelegenheit, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Aber du wirst dich an die gleichen Regeln halten müssen wie jeder andere Mitarbeiter.“
