Er demütigte seine Frau vor 200 Gästen – zehn Minuten später erfuhr er, dass sie seine Chefin war

Julian hatte behauptet, sie gehörten seiner Familie und Nora trage sie ohnehin nie.

Camilla hatte nicht nachgefragt.

Sie wollte nicht wissen, woher der Schmuck wirklich stammte.

Als sie Nora am Eingang des Ballsaals entdeckte, war sie überrascht.

Julian hatte ihr gesagt, seine Frau werde wahrscheinlich nicht kommen.

„Sie interessiert sich nicht für solche Veranstaltungen“, hatte er behauptet.

Doch Nora war gekommen.

Und sie sah keineswegs so aus, als hätte sie vor, sich zu verstecken.

Camilla beobachtete, wie Julian auf seine Frau zuging. Sie sah, wie er sie am Arm packte und ihr etwas ins Ohr flüsterte.

Dann hörte sie den Schlag.

Für einen kurzen Moment war Camilla erschrocken.

Nicht, weil sie Mitleid mit Nora empfand.

Sondern weil sie erkannte, dass Julian sich vor zweihundert Menschen zu einer Handlung hatte hinreißen lassen, die sich nicht mehr rückgängig machen ließ.

Als Nora ruhig antwortete, gefiel Camilla das überhaupt nicht.

„Warum geht sie nicht einfach?“, murmelte sie.

Julian sah Nora nach.

„Sie will Aufmerksamkeit.“

Camilla zwang sich zu einem Lächeln.

„Dann soll sie eben bleiben. Nach der Bekanntgabe wird jeder wissen, wer hierhergehört.“

Sie glaubte, dass die nächsten zehn Minuten ihr Leben verändern würden.

Damit lag sie richtig.

Nur nicht auf die Weise, die sie sich vorgestellt hatte.

Kapitel 5: Zehn Minuten bis zur Wahrheit

Nora stellte sich an einen Tisch in der Nähe des Eingangs zur Terrasse.

Von dort aus konnte sie die Bühne sehen, ohne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen.

Malcolm Reed überprüfte ein letztes Mal seine Unterlagen. Neben ihm standen Aurelias Chefjurist und die forensische Prüferin Dr. Helen Morris.

Helen hatte sechs Wochen lang die verdächtigen Lieferantenzahlungen untersucht.

Sie hatte Zahlungsströme verglichen, Verträge geprüft und mehrere Unternehmen identifiziert, deren tatsächliche Leistungen nicht zu den abgerechneten Beträgen passten.

Einige Rechnungen waren mehrfach eingereicht worden. Bei anderen fehlten die üblichen Leistungsnachweise.

Zudem gab es Hinweise darauf, dass bestimmte Geschäftsbeziehungen nicht ausreichend offengelegt worden waren.

Die Prüfung war noch nicht abgeschlossen. Aber die bisherigen Erkenntnisse reichten aus, um weitere Untersuchungen einzuleiten und bestimmte Freigaben vorläufig auszusetzen.

Nora wollte an diesem Abend keine öffentliche Gerichtsverhandlung veranstalten.

Sie wollte eine klare Botschaft senden: Das Unternehmen würde künftig nach nachvollziehbaren Regeln geführt werden.

Und niemand, ganz gleich wie hoch seine Position war, würde über diesen Regeln stehen.

Malcolm entdeckte sie am Rand des Saals.

Er hob unauffällig die Hand und berührte mit zwei Fingern seine Manschette.

Das war das vereinbarte Signal.

Die Übernahme war abgeschlossen.

Nora atmete tief durch.

Sie dachte an ihre Mutter.

Evelyn Vance hatte ihr einmal gesagt: „Es ist leicht, großzügig zu sein, wenn alles gut läuft. Deinen wahren Charakter zeigst du, wenn du Macht besitzt und entscheiden musst, wie du sie einsetzt.“

Damals hatte Nora nicht verstanden, wie wichtig dieser Satz eines Tages werden würde.

Jetzt wusste sie es.

Sie hätte Julian aus Rache vernichten können.

Sie hätte ihre Beteiligung verschweigen, ihn weiterarbeiten lassen und darauf warten können, dass er noch mehr Fehler machte.

Doch das hätte sie nicht weitergebracht.

Sie wollte die Wahrheit ans Licht bringen, das Unternehmen schützen und sich selbst aus einer Ehe befreien, in der Respekt längst keinen Platz mehr hatte.

Am anderen Ende des Saals stellte Julian sein Jackett zurecht.

Er sprach mit zwei Vorstandsmitgliedern, die ihm freundlich zunickten. Einer von ihnen gratulierte ihm sogar im Voraus.

Julian strahlte.

Er war sich seiner Sache sicher.

Camilla stand neben ihm und lächelte in die Kameras.

Als der Moderator das Mikrofon übergab, wurde es im Saal langsam still.

Malcolm Reed trat auf die Bühne.

„Meine Damen und Herren“, begann er, „ich möchte Sie herzlich zum zwanzigjährigen Jubiläum von Aurelia Systems begrüßen.“

Applaus erfüllte den Saal.

Malcolm sprach über die Geschichte des Unternehmens, über die ersten Kunden, die schwierigen Anfangsjahre und die Mitarbeiter, die Aurelia zu dem gemacht hatten, was es heute war.

Er erinnerte an Erfolge, aber auch an die letzten achtzehn Monate.

„Wir haben schwierige Zeiten hinter uns“, sagte er. „Schulden, stornierte Aufträge und eine Expansion, die nicht die erwarteten Ergebnisse gebracht hat. Viele Menschen haben sich Sorgen um ihre Arbeitsplätze gemacht.“

Die Stimmung veränderte sich.

Einige Mitarbeiter sahen sich an. Sie wussten, wie knapp das Unternehmen an einer ernsthaften Krise vorbeigeschrammt war.

Malcolm fuhr fort:

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