Nach einer Weile kamen sie an eine Kreuzung. Hannah wusste nicht, in welche Richtung sie gehen sollte. Sie schaute nach Straßenschildern, konnte die Namen aber kaum lesen. Der Schnee wurde dichter, und der Wind trieb ihn in ihre Gesichter.
Sie versuchte, mich anzurufen. Doch sie hatte mein Telefon nicht dabei. Sie kannte meine Nummer auswendig, weil ich sie ihr oft genug beigebracht hatte. Aber sie wusste nicht, wie sie von einer fremden Haustür aus telefonieren sollte, und die wenigen Menschen, die sie sah, waren in ihren Häusern.
Lily stolperte.
„Ich will nicht mehr laufen.“
Hannah ging in die Hocke.
„Nur noch ein kleines Stück.“
„Meine Füße tun weh.“
Hannah sah sich um. Auf der anderen Straßenseite stand eine Bushaltestelle. Sie zog Lily dorthin und setzte sich mit ihr auf die Bank. Sie hoffte, dass bald ein Bus kommen würde, in dem sie sich aufwärmen könnten.
Doch an Heiligabend fuhr dort lange kein Bus.
Die Minuten vergingen.
Lily lehnte den Kopf an Hannahs Schulter. Ihre Augen fielen immer wieder zu.
„Du darfst nicht einschlafen“, sagte Hannah. „Wir müssen wach bleiben.“
„Ich bin müde.“
„Ich weiß. Aber wir suchen jetzt Mama.“
Hannah stand auf und versuchte, ihre Schwester ebenfalls hochzuziehen. Lily machte zwei Schritte, dann blieb sie stehen.
„Ich kann nicht.“
Hannah schaute auf die kleinen Beine ihrer Schwester. Sie selbst hatte kalte Füße, und ihre Hände schmerzten. Trotzdem beugte sie sich vor.
„Komm auf meinen Rücken.“
Es war nicht das erste Mal, dass sie Lily getragen hatte. Zu Hause spielte sie manchmal, sie sei eine Mutter und Lily ihr Baby. Doch diesmal war es kein Spiel.
Sie hob ihre Schwester hoch, schob einen Arm unter ihre Beine und hielt sie mit dem anderen am Rücken fest.
Die ersten Schritte waren schwer. Hannah musste sich konzentrieren, damit sie nicht auf dem glatten Boden ausrutschte.
Sie ging weiter.
Ein Haus nach dem anderen zog an ihr vorbei. Hinter manchen Fenstern sah sie Weihnachtsbäume. Einmal hörte sie Kinder lachen. Sie stellte sich vor, wie schön es wäre, einfach an einer dieser Türen zu klingeln und jemanden zu finden, der ihnen half.
Aber sie hatte Angst.
Was, wenn die Menschen genauso reagierten wie Oma?
Sie ging weiter.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte sie eine Straße mit mehreren Geschäften. Die meisten waren geschlossen. Ein kleiner Imbiss hatte noch Licht, doch Hannah wusste nicht, ob sie dorthin gehen sollte.
Sie setzte Lily vorsichtig auf eine niedrige Mauer.
„Warte hier, ja? Ich schaue, ob jemand da ist.“
Lily nickte kaum merklich.
Hannah machte ein paar Schritte. Dann hörte sie hinter sich ein leises Geräusch.
Als sie sich umdrehte, lag Lily auf der Seite im Schnee.
„Lily!“
Hannah rannte zurück und kniete sich neben sie. Ihre Schwester reagierte kaum. Ihr Gesicht war blass, und ihre Lippen zitterten.
„Lily, steh auf. Bitte!“
Sie schüttelte sanft die Schulter ihrer Schwester.
„Wir müssen zu Mama. Du hast mir doch versprochen, dass du wach bleibst.“
Lily öffnete kurz die Augen, brachte aber kein Wort heraus.
Hannah bekam Panik.
Sie zog ihre Schwester so gut es ging auf ihren Schoß und wickelte ihren eigenen Schal um beide. Dann sah sie sich um und begann zu schreien.
„Hilfe! Bitte, kann uns jemand helfen?“
Ihre Stimme wurde vom Wind verschluckt.
Sie versuchte es noch einmal.
„Meine Schwester ist krank! Bitte!“
In diesem Moment hörte sie ein Auto näher kommen.
Ein dunkler Wagen fuhr langsam an den Straßenrand. Ein Mann stieg aus und sah die beiden Mädchen.
„Mein Gott! Was macht ihr denn hier draußen?“
Hannah konnte nicht mehr richtig sprechen. Sie deutete auf Lily.
„Bitte … meine Schwester … sie ist so kalt.“
Der Mann kniete sich sofort hin und zog seine Jacke aus.
„Keine Angst. Ich helfe euch.“
Er wickelte Lily in die Jacke und rief den Rettungsdienst. Dann fragte er Hannah nach ihren Eltern.
„Wie heißt du, meine Kleine?“
„Hannah.“
„Und deine Schwester?“
„Lily.“
„Weißt du eine Telefonnummer, unter der ich eure Mama erreichen kann?“
Hannah nickte. Ihre Stimme war kaum hörbar, als sie die Nummer aufsagte.
Sie hatte sich daran erinnert.
Selbst als sie nicht mehr wusste, wohin sie gehen sollte, selbst als ihre Beine kaum noch gehorchten, hatte sie die wichtigste Nummer in ihrem Leben nicht vergessen.
Der Mann wählte sie.
